Erlebnisse und Eindrücke während 111 km, 1600 Höhenmeter auf und ab.
Samstag 19.08.2006
Eine kleine Gruppe Emmenskaters hat sich entschlossen nach St. Gallen
zu reisen um diese Strapazen freiwillig auf sich zu nehmen. Ganz klar
die Herren reisen mit A-Klasse, während sich die zwei Frauen in
den knallroten Ibiza quetschen und los geht die Verfolgungsjagd auf der
Autobahn Richtung Zürich. Unterwegs machen wir nur eine kurze
„Bisli“- Pause, natürlich nicht ohne uns noch ein paar
Kohlenhydrate einzuschieben. Ohne grosse Zwischenfälle kommen wir
in Goldach bei der Unterkunft an, wo wir die Zimmer beziehen. Es werden
Bedenken geäussert, dass Frauen und Männer im gleichen Zimmer
schlafen (-; . Ich beschlagnahme gleich ein oben liegendes
Doppel-Kajütenbett, da ich oft sehr unruhig schlafe und viel Platz
benötige. Es ist sehr amüsant den Herren beim beziehen der
Duvets zuzuschauen, schon lange nicht mehr gemacht (-: . Nach kurzer
Diskussion über die Wettervorhersage vom Sonntag geht’s los
mit Rollen ummontieren, wobei wir Frauen uns die 8 vorhandenen
Regen-Rollen „brüderlich“ teilen. Unglaublich was so
Männer alles mitschleppen, ein batteriebetriebener Schrauber!
Nachdem jeder sein Gnusch grosszügig im Zimmer verteilt hat,
fahren wir zurück nach St. Gallen um die Startunterlagen
abzuholen. Das Gedränge ist noch nicht sehr gross, somit
geht’s wenig später zum Pastaessen über. Die drei
restlichen Emmentaler und ein paar Oberländer sind nun auch
eingetroffen. Somit stopft jeder ein Teller Pasta in sich rein. Mein
Appetit ist nicht so gross, aber es muss alles runter. Erinnerungen an
letztes Jahr steigen hoch. Wir Menschen sind schon sonderbare Wesen,
immer wieder fordern wir unseren Körper zu Höchstleistungen
heraus. Wieso tun wir das? Um den kurzen Moment der
Endorphin-Ausschüttung im Ziel zu geniessen?
Zurück nach Goldach, jeder sortiert noch mal seine Kleidung, dann
ab ins Bett. Wer steht wann auf? Wer will Pasta zum Zmorge... Mein
einziger Gedanke: Jetzt ganz schnell einschlafen! Hitzewallungen,
Strassenlärm und Gejohle von „Töfflibuebe“ hindern
mich daran. Auch die Kirchenglocke hämmert viel lauter als zu
Hause. Nach wenigen Stunden unruhigem Dämmerschlaf klingelt auch
schon der Wecker. Eine kalte Dusche ist das einzige Mittel um jetzt
meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Nach dem Morgenessen fahren wir
um 05.30 zur Messehalle, super die ganze Autobahn für mich allein!
Zum Glück ist es schon 17 Grad und so entschliessen sich die
meisten „kurz“ zu fahren. Ich staune als ich auch noch
René unseren Fitness-Breitensportkämpfer entdecke. Beim
Einfahren fallen auch schon die ersten Regentropfen, doch ich und Ruth
sind fest entschlossen diese Strapaze zusammen durchzustehen. Wir
Frauen starten separat in einer oberen Gasse, so kommt es, dass wir den
Startschuss fast überhören, wir sprinten los wie
verrückt erst beim ersten kleinen Anstieg werden wir von der
Männer-Spitzengruppe überholt. Unentschlossen welcher Gruppe
wir uns anschliessen sollen, kämpfen wir bis ca. km 30
grösstenteils zu zweit durch die Strassen. Immer wieder
staune ich: Unglaublich wer sich da alles auf Skates fortzubewegen
versucht (-; .
Nach dem 30er Schild, ein Aufstieg, und meine Wadenmuskulatur krampft
schon das erste Mal, das kann ja heiter werden! Ruth hält zu mir
bis ich mich ein wenig erholt habe.
Ohh ..schon das 50er Schild, nun bekommt Ruth ihre erste Krise, es ist
glitschig im Wald und geht aufwärts, ich lasse die Gruppe ziehen
und versuche es mit Mental-Unterstützung. Wieder im Flachen
können wir uns gut erholen, doch der nächste Aufstieg ist
nicht weit. Bei ca. km 70 trenne ich mich schweren Herzens von Ruth.
Ich fahre nun in einer vierer Gruppe und wir wechseln uns fleissig ab
um nicht eingeholt zu werden. Ralf, Kampfsau aus Deutschland begleitet
mich die letzten 20 km, wobei ich ihn die letzten 3 km ziehen lassen
muss, ich gebe den Getränken an den Posten die Schuld, die
wahrscheinlich mit Blei versetzt sind, meine Beine fühlen
sich jedenfalls so an. Auch das Gel muss ich ausspucken, Schoko-Banane
ist in diesem Moment nicht meine Geschmacksrichtung. Ich gebe es an den
Kollegen hinter mir ab, der kurze Zeit später spurlos verschwunden
ist (-: . Auch Angebote für Kaffe und Bier von vereinzelten
Zuschauern lehne ich dankend ab. Mein linker piriformis und der rechte
Adduktor krampfen, trotz aufmunternden Zurufen am Strassenrand komme
ich fast nicht mehr vom Fleck. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir
dass ich weit über meiner „Traumzeit“ liege. Jetzt
heisst es zusammenreissen, na ja, ans Ziel kommen ist alles. Immer
wieder blicke ich ängstlich zurück um nicht im letzten Moment
noch von der Konkurrenz überholt zu werden.
Wie viele Zähne besitzt der erwachsene Mensch zum draufbeissen? In diesem Moment hatte ich einige zu wenig.
Total erschöpft komme ich ans Ziel, Nachdem ich mich ein wenig
erholt habe, blicke ich sorgenvoll ins Zielgelände. Wo bleibt
Ruth, wie geht es ihr? Ich treffe sie beim Duschen, sie kann
tatsächlich noch selbständig gehen und hat nur eine Blase am
Fuss. Jetzt fühle ich mich schon viel besser.
Zurück im Zielgelände machen mich die anderen mit Bier und
Bratwurst gluschtig. Ich glaube ein Schluck Alkohol in diesem Moment
und ich wäre umgekippt. Die Nachricht dass ein Kollege im Spital
liegt trübt unsere Stimmung und so machen wir uns bald einmal auf
den Heimweg. Auf der Fahrt, oh Schreck, Thomas ruft mich an:
René wo ist er, niemand hat in gesehen! Ich tröste
mich mit dem Gedanken: Wir Berner sind Kämpfer, er wird das schon
schaffen.. Später erfahre ich von ihm, dass es sich immer ein paar
Meter vor dem Besenwagen vorwärts gekämpft hat. Die Wut
über den lästigen Verfolger zwingen ihn zu verbalen
Äusserungen, doch sie geben ihm die Kraft bis ans Ziel
durchzuhalten. An dieser Stelle: Herzliche Gratulation meinerseits!
Mit Kofferauspacken tat ich mich ein bisschen schwer... Das warme Bett war verlockend nahe.
Nach zwei Tagen konnte ich tatsächlich schon wieder die Treppe
runtersteigen ohne mich am Geländer festhalten zu müssen.
Wer ist nächstes Jahr wieder dabei? Wir lassen uns überraschen (-:
Anmerkung: Falls sich jemand nach dem lesen von diesem Bericht
persönlich angegriffen fühlt, angestauter Ärger bitte
beim nächsten Training auslassen.
Nicole Künzi
last update: 27.08.2006