Als wir an diesem Ostersonntag, frühmorgens noch in der
Dämmerung, im Bus am Malécon entlang fahren, sind wir unterwegs
zum Havanna Marathon, einem weiteren Höhepunkt und Abschluss unserer 2-wöchigen
Inline Skate Tour in Kuba. Der Start soll um 8 Uhr erfolgen, die Strecke auf
einer 3-spurigen Ausfallstrasse haben wir am Vortag per Dodge aus dem Jahre
1950 erkundigt, ein Kilometer leicht fallend und auf der Gegenseite entsprechend
leicht steigend, das ganze gilt es 20 mal zu absolvieren. Die über 200
km auf kubanischen Landstrassen und Autobahnen, inklusive 700 Höhenmeter
auf den "Topes de Collante", sind sicher eine gute Grundlage für
die kommende Saison, jetzt für diesen Marathon sind die müden Beine
und die sich bemerkbar machenden Kniegelenke wohl eher hinderlich.
Wir fanden, eine Stunde vorher da zu sein passe nicht schlecht, da wir noch
keine Startnummern haben, und ein wenig einfahren kann wohl auch nicht schaden.
Ausser den ersten (zu dieser Tageszeit noch nicht ganz so übervollen) Bussen
und einigen Passanten, welche per Autostopp ihr Glück zum Mitfahren versuchen,
ist aber von Inline Marathon weit und breit nichts zu sehen. Um 7.15 finden
das sogar unsere kubanischen Reisebegleiter nicht mehr normal, sie fahren mit
dem Bus in die nahegelegene "Ciudad Deportiva", um abzuklären
ob, wann und wo ein Inline Rennen stattfindet. Kurz nach halb acht sind sie
wieder da, wir steigen wieder in den Bus, der Anlass wurde kurzfristig ein paar
Strassen weiter verschoben.
Tatsächlich gibt es an diesem neuen Treffpunkt Inline-Aktivitäten
zu sehen, einige unserer bekannten Fahrer vom kubanischen Rennteam sind zu sehen,
mit uns trifft auch ein Lastwagen voll Polizisten ein, welche die Strecke sichern
werden. Die Strasse ist hier fast flach, der Belag scheint besser, der Wechsel
also kein Verlust. Katie von Skategrrl.com empfängt uns, sie ist extra
aus den USA angereist, um über die Copa Cuba zu berichten. Neben uns 7
Schweizern ist auch noch ein holländisches Paar hier, ansonsten ist dies
ein geschlossener kubanischer Anlass der nationalen Inlineszen, bloss etwas
mehr als 50 Fahrerinnen und Fahrer werden es sein, für einmal keine chaotischen
Massen. An einem SIC Rennen müsste man eine halbe Stunde vorher längstens
im Startgatter sein, hier wird um 7.45 immer noch versucht, das Zielband aufzuhängen.
Um acht steigt dann auch Santiago aus dem Bus, er ist unser Inline Begleiter
und Coach während der Reise und ist seines Zeichen kubanischer Marathon
Champion von 1993 bis 1998. Ansonsten haben wir bei unseren Treffen mit den
Inline-Kollegen in Havanna und Cienfuegos festgestellt, dass die Kubaner vor
allem Bahnfahrer sind, mit exzellenten technischen Skills. Hauptproblem selbst
für die besten Fahrer ist es jedoch, an gutes Material zu kommen, meine
neuen Varanus 84mm Rollen sorgen hier für einiges Aufsehen. So sehen wir
auch im Startfeld, welches sich um 8.20 doch langsam bildet, einige Dresses
mit Schweizer Aufdruck, und das ein oder andere von uns gespendete Pärchen
Skates dürfte auch dabei sein.
Die Rennleitung erklärt nochmals den Modus, 26 Runden für die Herren
(Marathon), 13 für die Damen (Halbmarathon), unklar ist einzig, ob das
folgende Startsignal nun für den eigentlichen Start, oder bloss für
die Aufwärmrunde gilt. Die kubanischen Skater brettern jedenfalls schon
mal voll los, um 200m später abrupt zu bremsen, die erste enge Kehre gilt
es zu nehmen, dann wird gleich wieder voll beschleunigt. Nach der zweiten Wende
ist dann vor dem Zielband doch wieder Schluss, die Tafel steht auf 26, das Rennen
beginnt also erst jetzt dann. Interessanterweise mussten alle vor dem Start
die Uhren abgeben, wir dürfen unsere Polars für die Pulsmessung aber
anbehalten.
Der zweite Start ist dann weniger überraschend, wiederum geht es rasant
los, in der ersten Runde versuchen alle, sich irgendwie zu organisieren. Wir
sollen nach der ersten Runde Gruppen bilden, wurde uns mitgegeben, das würde
ich sehr gerne tun, aber die Stars düsen vorne weg und das ganze Mittelfeld
eines SIC Rennen fehlt hier komplett. So finden sich Walter und ich rasch zu
einem gut harmonierenden aber einsamen Duo zusammen, welches fast das ganze
Rennen anhält, aber natürlich in harten 50% Führungsarbeit für
jeden resultiert.
Wir fahren die ersten Runden mit jeweils fast genau 4 Minuten, was einer Endzeit
von 1.44 entsprechen würde, eine doch recht lange Marathonzeit, was erste
Zweifel an der Streckenlänge aufkommen lässt. War das der Grund, dass
die Uhren abgegeben werden mussten?
Auf diesem Kurs kann man den Rennverlauf auch als Fahrer schön beobachten.
Es bildet sich vorne eine erste Spitzengruppe von etwa 10 Fahrern, "unser"
Santiago ist dabei. Nach einem weiteren Feld, indem auch die Spitzenfahrerinnen
dabei sind, kommen schon bald Walter und ich, wir ziehen zwischendurch immer
wieder einen jungen Fahrer mit quietschenden Lagern mit, der dann jeweils wieder
los spurtet und sich dann zurückfallen lässt. Unsere Damen halten
sich exzellent, Gabi und Vre kurz hinter uns, Sibylle und Sue an ihrem ersten
Rennen überhaupt und dazu allein fahrend sehr gut, und auch Sabine wird
das Rennen gut meistern.
Walter und ich erreichen die ersten 13 Runden in 54 Minuten, was einer doch
sehr langen Halbmarathonzeit entspricht. Da uns die Spitze bis dahin erst 2mal
überholt hat, also trotz aller Taktik und Bummelei auch über 45 Minuten
brauchte, bestärkt die Zweifel an der Streckenlänge.
Für die Kubaner geht es nicht wie für uns vor allem ums mitmachen,
vielen steigen während dem Rennen aus, wenn sie sehen, dass sie nicht mehr
vorne mithalten können, das ganze wird zum Ausscheidungsrennen.
Da nach der Hälfte auch alle Damen fehlen, wird es plötzlich ziemlich
leer auf der Strecke. Walter spürt seine schmerzenden Füsse immer
mehr, und bald schon fahre ich ganz für mich alleine. Santiago hat mit
seiner Attacke alle stehen gelassen, das Verfolgerfeld konzentriert sich nur
noch auf Platz 2 und bleibt zwischendurch fast stehen, was mir ermöglicht
eine der drei verlorenen Runden zwischendurch wieder wett zu machen. Santiago
fährt als strahlender Sieger über die Ziellinie, wir freuen uns riesig
für ihn, und sind froh haben ihm diese 2 Wochen mit uns offenbar alles
andere als geschadet!
Nach der Durchfahrt der Verfolger erhalte ich das Motorrad als Begleitung, und
fahre so mächtig stolz meine letzten beiden Runden. Das Rennen wird mit
meiner Zieldurchfahrt dann abgebrochen, diejenigen (nicht mehr sinds...) hinter
mir werden aus dem Rennen genommen. Robert aus Holland freut sich darüber,
knapp vor mir ins Ziel zu kommen, er hat wohl nicht bemerkt, dass ich ihn zweimal
überrundet habe. Ich stoppe 1.54 als meine Rennzeit, wie lange die Strecke
genau war weiss ich nicht. Ist auch nicht so wichtig, das Erlebnis war phänomenal.
Wir erholen uns anschiessend am Strand von "Playa del Este", abends
erfolgt dann noch die Rangverkündigung, wo wir unseren Sieger Santiago
und uns selber bei Salsa nochmals feiern.
-> weitere Bilder der Cuba Inline
Reise