Berlin Inline Marathon, die plötzliche Einsamkeit am grössten Inline Rennen der Welt
| Vor einer Woche in Sarnen standen etwa 100 Leute am Start, jetzt in Berlin zählte man vor dem Brandenburger Tor fast 10'000, als es um 16.00 endlich losging. Neu in diesem Jahr wurde das Inlinerennen getrennt vom Laufmarathon bereits am Samstag gestartet. Diese Trennung brachte den Skatern die langersehnte Aufmerksamkeit, und ermöglichte es den Veranstaltern den Anlass mit insgesamt fast 50'000 Teilnehmer überhaupt noch im Griff zu haben. Den Organisatoren kann man wirklich ein grosses Kompliment machen. Die Infrastruktur war so aufgebaut, dass für Gepäckdepot, Toilette etc. fast nirgends angestanden werden musste, und die Startblöcke waren so grosszügig eingeteilt, dass sich das Riesenfeld beim gestaffelten Start bald gut verteilte. Welch ein Wohltat zu manchem Start in der Schweiz. Allerdings gibt es bei uns natürlich auch keine 8-spurige Strasse des 17. Juni, welche die ersten 2,5 km schnurgerade verläuft. Nachdem ich im letzten Jahr als Berlin-Rookie im letzten Block starten musste, konnte ich mich in diesem Jahr schon viel weiter vorne unters Volk mischen. Als der Startschuss auch für unseren Block erfolgte und ich die gegenüber dem Vorjahr modifizierte Strecke in Angriff nahm, tat ich das mit den beiden Zielen „kein Sturz, und somit sturzfreie Saison 2003“ und „unter 1:20 im Ziel“. Letzteres brächte mich im 2004 in den prestigeträchtigen Startblock B, gleich hinter den Top-Cracks. Schon auf den ersten Kilometern konnte man erfreut feststellen, wie zahlreich und engagiert die Zuschauer am Strassenrand präsent waren. Die Anfeuerungen mit Trommeln, Samba-Bands oder sonstigem Applaus hörten die ganzen 42 km nicht mehr auf. Zu Beginn waren die sich bildenden Felder noch sehr inhomogen, das Tempo sehr unterschiedlich, man staunte wie optimistisch sich zum Teil Leute weit vorne einreihen, die dann als praktisch stehende Ziele überholt werden müssen. Die neue Startschlaufe führte durch Moabit am neuen Kanzleramt vorbei,
sehr prominent wurde dabei die nicht mehr ganz so prominent bewohnte Schweizer
Botschaft passiert. Dort stand Sue mit der Kamera auf der Lauer, ich versuchte
mich rechts draussen für ein gutes Bild zu positionieren. Dies gelang
recht gut, einmal sieht man auf dem Bild meinen linken und einmal meinen
rechten Fuss. Zu diesem frühen Zeitpunkt gelang es mir noch recht
gut mich vorne im Feld zu bewegen um den Handorgeleffekten etwas zu entkommen.
Mein Feld bewegte sich in 3er Reihen sehr nervös vorwärts, im
Innenstadtbereich galt es zudem immer auch einen Blick auf den zu Teil
schlechten Belag zu werfen. |
Die Spitze vor der Schweizer Botschaft |
Bei km 11 auf der Karl-Marx-Allee gelangten wir wieder auf die alte Strecke, allerdings war dort im letzten Jahr eben schon Rennhälfte. Irgendwie hatte das mein Unterbewusstsein noch abgespeichert, diese 5 km Differenz sollten sich später als schwere Hürde erweisen. Bei Rennhälfte in Schöneberg zeigte die Uhr 41 Minuten, 1 Minute über der Hälfte der angepeilten 1.20. Die Geschwindigkeit erhöhte sich aber nun merklich, die 3 Schlangen wurden mehr und mehr zu einer verschmelzt. Dabei zeigte sich dann auch zum erstenmal kurz die LÜCKE, meine von nun an ständige und unangenehme Begleiterin. Zunächst nur kurz und nur 1 Meter, aber ich musste doch mit hohem Puls schon kämpfen dranzubleiben, und ich befand mich auch nicht mehr in einer günstigen, vorne liegenden Position. Mehr beschäftigte mich in dieser Phase aber noch, nicht zu stürzen. Um den Samstag-Shoppern das Einkaufsvergnügen nicht zu verderben, wurden die Skater an 2 Stellen alternativ zur Laufstrecke geführt. So wurde der Ku’damm umfahren, und bereits vorher am Hermannplatz gab es eine Umleitung, welche ein enge Kurve mit kleinem Radius zur Folge hatte. Mir klappte die Wende auf der Aussenbahn gut, aber plötzlich kam ein Fahrer quer durch das Feld geschossen und versuchte sich an allem und allen festzuhalten, so auch an mir. Ich scheine in diesem Jahr zum Retter von taumelnden Inlinern zu werden. Die Sache verlief glimpflich, ebenso kurze Zeit später, als es kurz vor mir übel schepperte und ich nur knapp an den gestürzten Fahrern vorbei kam. Das waren aber zum Glück dann auch die heiklen Passagen gewesen. Nun folgte die lange Südwestschlaufe mit wenig Abwechslungen, da wo ich jeweils am meisten froh darüber bin, diesen Marathon nicht zu Fuss zurücklegen zu müssen. In Dahlem (km 30) zeigte sich SIE, die LÜCKE, schon hartnäckiger,
und noch schlimmer, ich war plötzlich völlig am Schluss des
Feldes, und zudem plagten mich immer stärkere Rückenschmerzen.
Ein paar Mal gelang es mir noch SIE zu bezwingen, dank den Baregg-mässigen
Staus vor den engen Stellen und Kurven. Am Schönebergerufer konnte
ich mich nochmals gegen SIE aufraffen und aufschliessen, aber dann nach
dem Potsdamerplatz (km 37) war es soweit, die LÜCKE hat mich geschafft.
Wie ein über Bord gefallener Matrose konnte ich dem entschwindenden
Schiff (sprich Feld) nur noch nachschauen, welches langsam am Horizont
verschwand und auf das ich bis ins Ziel wohl 2 Minuten verlieren würde.
Es ist kaum zu glauben, dass man am weltweit grössten Inline-Rennen
mit 10'000 Skaters plötzlich in völliger Einsamkeit da ist,
aber es war vorne und hinten einfach nichts mehr zu sehen auf den leeren
Strassen. |
Der neue Sieger ist der alte: Juan-Carlos Betancur |
Ein Solorennen auf freien Strassen durch Berlin-Mitte mag ja durchaus seinen Reiz haben, aber in meinem Zustand war es alles andere als angenehm. Gewisses anderes Strandgut (sprich einzelne abgehängte Fahrer) hatte es dann zwar später wieder, aber alle kämpften mit ihrem Rhythmus, so dass ein Zusammenfahren nicht mehr klappte. Ich kämpfte mich dank der Unterstützung des tollen Publikums allein weiter, im Wissen, dass hinter mir irgendwann die nächste Welle kommen würde, es mussten ja noch knapp 9'000 Fahrer folgen. Kein Problem bot in dieser Situation der holprige Belag und der Rollsplitt kurz vor Schluss, der mir am Tag davor noch etliches Kopfzerbrechen bereitete. Im grossen Feld wäre das heikler gewesen. Schliesslich kam dann doch endlich das Ziel vor Augen. Um keine gefährlichen Zielspurts zu provozieren, war für die Inliner 100m dem Brandenburger-Tor Schluss, wir sollten dann in einem „stressfreien Glücksgefühl“ das Tor im Auslauf passieren, so der Hinweis des Veranstalters. Was ich befürchtet hatte, traf dann noch ein, das nächste Feld passierte mich 200m vor dem Ziel noch, allerdings waren es zu meinem Glück nur etwa 30 Fahrer. Mit dem Glücksgefühl unter dem Brandenburger-Tor wollte es dann irgendwie nicht gleich so klappen, zu abgekämpft war ich und zu stark schmerzte der Rücken. Ich erholte mich aber rasch, und spätestens am Abend im „Goldrausch“, wo sich die Skaterszene inklusive den Siegern Juan-Carlos Betancur und Julie Glass zur Party traf, ging es wieder bestens. Richtig versöhnt war ich dann, als ich dann auch meine Laufzeit wusste (ich hatte bei Start und Ziel nur ungefähr auf die Uhr gedrückt). Mit 1.19.54 und Rang 632 erreichte ich mein Ziel um 6 Sekunden, das ruft nach einer Wiederholung im nächsten Jahr. |
Erst die spätere genaue Auswertung zeigte es: um 6 Sekunden hat es unter 1:20 gereicht |
last update: 5.10.03